buchspektrum Internet-Buchhandlung

Neuerscheinungen 2019

Stand: 2020-02-01
Schnellsuche
ISBN/Stichwort/Autor
Herderstraße 10
10625 Berlin
Tel.: 030 315 714 16
Fax 030 315 714 14
info@buchspektrum.de

Manfred Krenn

Die Haare des Kaiman


Kuba - Nahaufnahmen einer desillusionierten Gesellschaft
2019. 304 S. 21 cm
Verlag/Jahr: SONDERZAHL 2019
ISBN: 3-85449-528-5 (3854495285)
Neue ISBN: 978-3-85449-528-4 (9783854495284)

Preis und Lieferzeit: Bitte klicken


Kuba wird oft auch als "grüner Kaiman der Karibik" bezeichnet. Die geographische Gestalt der großen Antilleninsel legt den Vergleich mit der Alligatorenart nahe. In den 1960er Jahren erschien die Zeitschrift "caimán barbudo" (bärtiger Kaiman). Sie war eineinhalb Jahre unter dem Signum des Bartes als Symbol der Freiheit für ihre kritischen und polemischen Debatten bekannt - bevor sie danach an die politische Leine gelegt wurde. Auch an diese Traditionen knüpft der Titel des Buch an und steht somit für eine Perspektive, welche das Unvermutete, das Irrtierende, in den Ritzen des Alltags Wuchernde und nur aus der Nähe Wahrnehmbare in den Blick nimmt. - Abseits eines eurozentrierten, oberflächlich-zynischen Korrespondentenblicks, aber auch einer harmonisierenden Projektionsperspektive politisch-ideologischer Idealist_innen werden ganz nah am kubanischen Alltag mit einem soziologisch geschärften Blick die Haare des Kaiman aufgespürt und gegen den Strich gebürstet.
Auch sechzig Jahre nach ihrem Triumph können sich zahlreiche Menschen der romantischen Faszination, die von der kubanischen Revolution und ihren Führungspersönlichkeiten (allen voran Fidel Castro und Che Guevara) ausgegangen ist, kaum entziehen. Dazu kommt, dass forcierte Globalisierung und die alles durchdringende Dominanz neoliberaler Vermarktlichung und Beschleunigung auch in den Zentren des globalen Nordens Sehnsüchte nach anderen gesellschaftlichen Welten neu entfacht haben. Kuba bildet da als eines der letzten Territorien, das der ungezügelten Globalisierung des Weltmarktes noch weitgehend entzogen ist, einen besonders attraktiven Anziehungspunkt.

Auch wenn Inseln schon immer ideale Projektionsflächen für Utopien waren, so widerstehen die Haare des Kaiman der Versuchung einer solchen Romantisierung. Es handelt sich vielmehr um widerborstige, kleinodische Fundstücke, in denen sich aber mosaikhaft die Realitäten und Strukturen einer ganzen Gesellschaft spiegeln. Gesammelt hat sie der Soziologe Manfred Krenn im Rahmen eines füfzehnmonatigen Aufenthalts auf der Insel. Aus diesem schillernden Mosaik schält sich nach und nach das Bild einer nach unzähligen politischen und ökonomischen Experimenten und vor allem nach 30 Jahren ökonomischer Krise mental erschöpften und weitgehend desillusionierten Gesellschaft. Die Texte folgen dem Verständnis Pierre Bourdieus, dass gerade die Zerstörung der "illusio" die Hauptaufgabe eines kritisch-verstehenden soziologischen Blicks darstellt.

"Die Haare des Kaiman" basiert auf intensiven Recherchen, Interviews und Alltagsbeobachtungen. Die eher analytisch angelegten Teile nehmen zentrale Probleme der kubanischen Gesellschaft in den Blick: Armut, Zivilgesellschaft, Alltagsrassismus, Schwarzmarkt, Massentourismus oder die Perspektiven der kubanischen Jugend. Einen Kontrast zu diesen analytischen Texten bilden die persönlichen Eindrücke, in denen kubanische Alltagswelten im Mittelpunkt stehen, die im Stile eines Tagebuchs gehalten sind. Entstanden ist ein facettenreiches und sensibles, vor allem aber ein ungeschminktes Bild der heutigen kubanischen Gesellschaft - und der hauptsächlichen Herausforderungen, vor denen sie steht.
Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mittlerweile ein tiefer Riss durch die kubanische Gesellschaft geht. Es gibt sie noch (vor allem in den älteren Generationen), die Reste eines Gesellschaftssystems, das, bei all seinen offensichtlichen Schwächen, doch auch solidarische Haltungen, eine Offenheit für Neues und auch eine besondere Sensibilität bei vielen Menschen entstehen hat lassen. Ich habe oft erlebt wie sich im Theater große Teile des Publikums, das sich dort nach wie vor nicht aus elitären sozialen Schichten zusammensetzt, von Szenen tief bewegen und emotional berühren lassen und dies auch offen zum Ausdruck bringen. Aber auf der anderen Seite verbreiten sich die vielfältigsten Formen jener alltäglichen "lucha" als Phänomene ´verwilderter Selbsterhaltung´ und die Fluchtversuche aus der desillusionierenden Alltagsrealität der Gran Antilla.