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Neuerscheinungen 2019

Stand: 2020-02-01
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Lerui Liang

Der Mythos in der Cassirerschen Philosophie der symbolischen Formen


2019. 68 S. 220 mm
Verlag/Jahr: DIPLOMICA 2019
ISBN: 3-9614672-4-2 (3961467242)
Neue ISBN: 978-3-9614672-4-2 (9783961467242)

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Dieses Buch setzt sich die Aufgabe, zwei Unstimmigkeiten in Cassirers Philosophie der symbolischen Formen aus der Sicht Cassirers zu erklären und aufzulösen. Die erste Unstimmigkeit liegt darin, dass Cassirer einerseits behauptet, dass sich die symbolischen Formen (Mythos, Sprache, Wissenschaft) strukturell voneinander unterscheiden und weder aufeinander noch auf ein Drittes reduziert werden können, und dass er anderseits die These vertritt, der gemeinsame "Mutterboden", aus dem sich alle symbolischen Formen im Verlauf ihrer historischen Entwicklung herausgelöst haben, sei der Mythos. Die zweite Unstimmigkeit liegt darin, dass die Vielfalt der symbolischen Formen nicht mit der Einheit des Geistes vereinbar ist, obwohl Cassirer auf die Behauptung des Bestehens einer solchen Einheit angesichts der von ihm diagnostizierten zeitgenössischen "Krise des Menschen" besonderen Wert legt.
Textprobe:
Kapitel 2.2 Die mythische Urteilung als Grundgegensatz:
Die mythische Welt lässt sich in das gewöhnliche Profane und das ungemeine Heilige teilen. In dem zweiten Band der PSF, Das mythische Denken, untersucht Cassirer den Grundgegensatz von Heiligem und Profanem. Auf den ersten Blick erscheint es so, als ob Cassirer somit gegen das Identitätsdenken verstößt. Dieser scheinbare Widerstreit lässt sich dann aufheben, wenn die Funktion des Grundgegensatzes bemerkt wird.
Die Aufteilung der mythischen Welt in Bereiche des Heiligen und des Profanen entspringt aus dem "Charakter des ´Ungemeinen´", der jedem Inhalt des mythischen Bewusstseins wesentlich ist. Bei dem ungemeinen Heiligen handelt sich nicht um etwas eindeutig Gutes, sondern vor allem um das "mysterium tremendum" und "mysterium fascinosum". Cassirer zufolge besteht das ungemeine Heilige "aus entgegengesetzten Zügen, aus Furcht und Hoffnung, aus Scheu und Bewunderung". Das Heilige erscheint immer zugleich "als das Ferne und Nahe, als das Vertraute und Schützende wie als das schlechthin Unzugängliche". Die Unterscheidung zwischen Heiligem und Profanem hat die Funktion eines grundlegenden Selektionskriteriums im Hinblick auf den Gegenstand. Durch diese Unterscheidung werden die Gleichgültigkeit und die Unterschiedslosigkeit der Bewusstseinsinhalte unterbrochen, indem der Mythos in dieses Einerlei bestimmte Unterschiede der Wertigkeit hineinlegt. Auf diese Weise entsteht im Mythos die Grundunterscheidung der Bewusstseinsinhalte und der Wirklichkeit überhaupt. Die Wertigkeit besteht Cassirer zufolge in den Gefühlserregungen der Subjekte. Mit dem Unterschied der Wertigkeit zeigt Cassirer ein Ordnungsprinzip der Erfahrung auf, "das nicht vorzüglich ein intellektuelles Begreifen darstellt, sondern vielmehr eine emotionale Einstellung gegenüber der Welt aufzeigt." Cassirer beschreibt den Unterschied der Wertigkeit folgendermaßen:
"Durch diesen Akzent wird die Gesamtheit des Seins und Geschehens in eine mythisch bedeutsame und eine mythische irrelevante Sphäre, in das, was das mythische Interesse erregt und fesselt und in das, was dieses Interesse relativ gleichgültig läßt, zerlegt."
Daraus lässt sich folgern, dass die Unterscheidung des Heiligen vom Profanen vor allem als eine Zuschreibung von Valenz an Phänomenen der Erfahrung angesehen werden kann. Wenn Phänomene der Erfahrung als heilig wahrgenommen werden, werden sie als bedeutsam und aufmerksamkeitsanziehend ausgelegt. Wenn Phänomene der Erfahrung als profan wahrgenommen werden, werden sie als gleichgütig und irrelevant gedeutet. Zum Beispiel lenkt die Verehrung als heilige gemeinsame Mutter das Interesse auf die Erde, während alle übrigen profanen Dinge in eine irrelevante Sphäre hinabsinken. Dadurch lenkt der Grundgegensatz die Aufmerksamkeit auf die phänomenale Welt.
Cassirer schließt den Grundgegensatz zwischen Heiligem und Profanem an die Untersuchungen Rudolf Ottos an. Aber er lehnt Ottos Annahme einer real-ontologischen Existenz des Heiligen kategorisch ab. Cassirer bezeichnet die Ur-Teilung des Heiligen vom Profanen als eine Setzung, "die vom Subjekt und von dem Relationsgefüge der Kultur vorgebracht wird". Er schreibt also dem Heiligen keine reale ontologische Existenz zu. Ihm zufolge gibt es kein "fundamentum in re", das sich als das absolute und feste Grundmuster für unsere Kategorisierung der phänomenalen Welt darbietet. Der Grundgegensatz zwischen Heiligem und Profanem bedeutet nicht eine substanzielle oder inhaltliche Bestimmung der Differenzsetzung von Gegenständen. Bei dem Gegensatz geht es nicht um Dingwahrnehmung, sondern um Ausdruckswahrnehmung. Während die Dingwahrnehmung eine Unterscheidung verschiedener Gattungen voraussetzt, schließt die Ausdruckswahrnehmung nur eine Setzung der Differenz im Subjekt ein. In diesem Sinne meint Pedersen:
"Vielmehr sind die Zuschreibungen vom Heiligen und Profanen situativ bedingt. Cassirer bestimmt die Prädikation des He